Biologisches Alter verstehen: Was dein Körper wirklich verrät
In dieser Folge geht es um den Unterschied zwischen chronologischem und biologischem Alter – und darum, warum zwei Menschen mit gleichem Geburtsdatum ganz unterschiedlich altern können. Außerdem werden verschiedene Testprinzipien, ihre Grenzen und der Unterschied zwischen biologischem Alter und „Pace of Aging“ verständlich erklärt.
Chapter 1
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Susi
Hallo und herzlich willkommen bei den Zellgenossen – dem Podcast für Zellgesundheit, Genetik, Prävention und Longevity. Heute geht es um eine Frage, die zunächst ganz einfach klingt: Wie alt bist du?
Sam
Die meisten Menschen würden jetzt wahrscheinlich ihr Geburtsdatum nennen und daraus ihr Alter berechnen.
Susi
Ich bin 50, 60 oder 70 Jahre alt. Das steht schließlich im Personalausweis.
Sam
Das ist aber nur dein kalendarisches oder chronologisches Alter. Es sagt, wie viele Jahre seit deiner Geburt vergangen sind. Es sagt nicht unbedingt, in welchem Zustand sich deine Zellen und deine körperlichen Regulationssysteme befinden.
Susi
Und deshalb sprechen wir heute über das biologische Alter?
Sam
Genau. Wir erklären, was biologisches Alter eigentlich bedeutet, wie es gemessen werden kann und warum verschiedene Tests zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.
Susi
Wir schauen uns außerdem drei unterschiedliche Testprinzipien an. Die beiden Vergleichstests nennen wir nicht beim Namen. Uns geht es nicht darum, einzelne Anbieter schlechtzureden, sondern darum, die unterschiedlichen Messmethoden verständlich zu machen.
Sam
Und wir sprechen ausführlicher über den MoleQlar-Test, weil er aus meiner Sicht einen sehr unkomplizierten Einstieg bietet: ein Wangenabstrich, keine Blutabnahme und im Vergleich zu vielen anderen molekularen Alterstests ein relativ niedriger Preis.
Susi
Aber eines sagen wir direkt zu Beginn: Ein biologischer Alterstest ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch ein Blutbild und er sagt auch nicht voraus, wie lange ein Mensch leben wird.
Sam
Ganz wichtig. Er ist eine Momentaufnahme bestimmter biologischer Prozesse – keine Kristallkugel.
Susi
Dann beginnen wir ganz von vorne. Was genau ist das tatsächliche oder kalendarische Alter?
Sam
Das kalendarische Alter ist eine reine Zeitangabe. Wenn du am 1. Januar 1970 geboren wurdest, bist du am 1. Januar 2030 genau 60 Jahre alt. Dieses Alter läuft für jeden Menschen mit derselben Geschwindigkeit weiter: ein Jahr pro Jahr.
Susi
Das biologische Alter kann aber davon abweichen?
Sam
Ja. Zwei Menschen können beide 60 Jahre alt sein und trotzdem körperlich sehr unterschiedlich altern. Eine Person ist aktiv, hat eine gute Muskelmasse, schläft ausreichend, pflegt soziale Kontakte und hat stabile Stoffwechselwerte. Die andere Person bewegt sich wenig, raucht, schläft schlecht, steht unter chronischem Stress und hat möglicherweise bereits verschiedene Stoffwechselprobleme.
Susi
Beide sind 60, aber ihre Körper befinden sich nicht unbedingt im gleichen Zustand.
Sam
Genau. Biologisches Alter ist der Versuch, diesen Unterschied messbar zu machen. Es beschreibt vereinfacht gesagt, wie weit altersabhängige Veränderungen in bestimmten Zellen, Molekülen oder Körpersystemen bereits fortgeschritten sind.
Susi
Kann man also sagen: Das biologische Alter zeigt, wie „verbraucht“ mein Körper ist?
Sam
Das wäre mir zu negativ. Altern bedeutet nicht einfach Verschleiß. Der Körper passt sich ständig an, repariert Schäden, bildet neue Proteine, reguliert Entzündungen und reagiert auf Ernährung, Bewegung, Schlaf, Erkrankungen und psychische Belastungen. Besser wäre: Das biologische Alter beschreibt, wie ein bestimmtes biologisches Muster im Vergleich zu den typischen Mustern anderer Altersgruppen aussieht.
Susi
Also arbeitet ein Test mit Vergleichsdaten?
Sam
Ja. Man misst bestimmte molekulare Merkmale und vergleicht das Muster mithilfe statistischer Modelle oder Algorithmen mit Referenzgruppen. Wenn dein Muster häufiger bei Menschen vorkommt, die älter sind als du, kann das Ergebnis ein höheres biologisches Alter anzeigen. Ähnelt es eher den Daten jüngerer Menschen, kann dein biologisches Alter unter deinem kalendarischen Alter liegen.
Susi
Das klingt aber so, als wäre das biologische Alter keine direkt messbare Größe wie Körpertemperatur oder Blutzucker.
Sam
Richtig. Es existiert nicht das eine biologische Alter, das man wie eine Zahl auf einer Waage ablesen kann. Es ist ein berechneter Biomarker. Ein DNA-Methylierungstest kann ein anderes Ergebnis liefern als ein Proteomik-Test. Ein Test, der Entzündungsprozesse betrachtet, kann wiederum zu einer anderen Einschätzung kommen. Das liegt nicht automatisch daran, dass einer der Tests falsch ist. Die Tests betrachten unterschiedliche biologische Ebenen.
Susi
Beim MoleQlar-Test begegnen uns zwei Begriffe: biologisches Alter und „Pace of Aging“. Ist das dasselbe?
Sam
Nein, und das ist ein wichtiger Unterschied. Das biologische Alter soll beschreiben, wo du momentan stehst. Die Alterungsgeschwindigkeit soll abschätzen, wie schnell bestimmte biologische Veränderungen gegenwärtig ablaufen.
Susi
Kannst du das mit einem Beispiel erklären?
Sam
Stell dir zwei Autos vor. Beide haben bereits 100.000 Kilometer gefahren. Das entspricht ungefähr dem biologischen Alter als bisher angesammeltem Zustand. Das eine Auto fährt momentan nur 5.000 Kilometer im Jahr, das andere 40.000 Kilometer. Das wäre die unterschiedliche Geschwindigkeit, mit der weitere Kilometer hinzukommen.
Susi
Eine Person kann also biologisch schon etwas älter sein, aber im Moment relativ langsam altern?
Sam
Das ist theoretisch möglich. Umgekehrt kann jemand ein günstiges biologisches Alter haben, aber momentan durch Stress, Schlafmangel oder andere Belastungen eine ungünstigere Dynamik zeigen.
Susi
Deshalb ist die Alterungsgeschwindigkeit möglicherweise besonders interessant, wenn man seinen Lebensstil verändert?
Sam
Ja. Sie richtet den Blick nicht nur auf die Frage „Wo stehe ich?“, sondern auch auf die Frage „In welche Richtung bewege ich mich?“.
Speaker 1
Die wissenschaftlichen Modelle für eine „Pace of Aging“ wurden ursprünglich aus langfristigen Verlaufsdaten entwickelt. Bei bekannten epigenetischen Modellen wird beispielsweise versucht, jahrzehntelange Veränderungen verschiedener Organsysteme in einem molekularen Muster abzubilden. Der MoleQlar-Test verwendet allerdings keine klassische DNA-Methylierungsuhr, sondern einen eigenen proteomischen Ansatz. Diese Werte dürfen deshalb nicht direkt miteinander gleichgesetzt werden.
Susi
Wir wollten heute drei unterschiedliche Testarten vergleichen. Welche sind das?
Sam
Die erste Gruppe untersucht epigenetische Markierungen an der DNA, besonders die sogenannte DNA-Methylierung. Die zweite Gruppe analysiert bestimmte Zuckerstrukturen an Antikörpern. Diese Strukturen werden als Glykane bezeichnet und stehen unter anderem mit Entzündungs- und Immunprozessen in Verbindung. Und die dritte Methode – zu der der MoleQlar-Test gehört – analysiert Proteine aus Zellen der Mundschleimhaut.
Susi
Beginnen wir mit der DNA-Methylierung. Was passiert dabei?
Sam
Unsere DNA-Sequenz verändert sich durch einen gesunden Lebensstil nicht plötzlich vollständig. Aber an der DNA befinden sich chemische Markierungen, die mitbestimmen, wie Gene reguliert werden. Bestimmte Methylierungsmuster verändern sich statistisch mit dem Alter. Aus einer großen Zahl solcher Messpunkte können Algorithmen ein epigenetisches Alter berechnen.
Susi
Einer der verglichenen Tests nutzt dafür einige Tropfen Blut aus dem Finger?
Sam
Ja. Er untersucht sehr viele DNA-Markierungen und berechnet daraus unter anderem ein biologisches Alter, eine Alterungsgeschwindigkeit sowie Alterswerte verschiedener Organsysteme. Zusätzlich werden beispielsweise Entzündungswerte, Immunzellmuster, Telomerlänge und Einflüsse von Rauchen oder Alkohol im Bericht aufgeführt. Das ist ein sehr umfangreiches System. Allerdings kostet der Test aktuell rund 499 US-Dollar und ist damit für regelmäßige Verlaufskontrollen relativ teuer. Die Probe wird über einen Fingerstich gewonnen, und die Ergebnisse werden laut Anbieter typischerweise einige Wochen nach Laboreingang bereitgestellt.
Susi
Also wissenschaftlich spannend und sehr umfangreich, aber für viele Menschen preislich eine Hürde.
Sam
Genau. Mehr Daten sind außerdem nicht automatisch in jeder Situation besser. Ein sehr umfangreicher Bericht kann faszinierend sein. Er muss aber auch verstanden und sinnvoll eingeordnet werden.
Susi
Wie funktioniert die zweite Testart?
Sam
Hier werden Glykane an Immunglobulin G untersucht. Immunglobulin G ist eine wichtige Klasse unserer Antikörper. Die Zusammensetzung dieser Zuckerstrukturen verändert sich mit Alter, Immunaktivität und Entzündungsprozessen. Der Test konzentriert sich deshalb besonders auf das sogenannte Inflammaging – also chronische, niedriggradige Entzündungsprozesse, die mit dem Altern in Verbindung stehen.
Susi
Was bekommt man bei diesem Test?
Sam
Ein berechnetes biologisches Alter, verschiedene Glykan- und Entzündungsindizes, persönliche Hinweise und bei dem betrachteten Angebot auch ein Gespräch zur Interpretation. Die Probe wird ebenfalls per Fingerstich zu Hause entnommen. Das Ergebnis soll gewöhnlich nach drei bis vier Wochen vorliegen.
Susi
Und der Preis?
Sam
Der aktuell ausgewiesene Einzelpreis liegt bei 379 britischen Pfund. Das Gespräch und die Spezialisierung auf Immun- und Entzündungsprozesse können wertvoll sein. Für jemanden, der lediglich einen unkomplizierten und bezahlbaren Ausgangswert sucht, ist es aber eine größere Investition.
Susi
Und damit kommen wir zur dritten Methode – dem MoleQlar-Test.
Sam
MoleQlar untersucht nicht in erster Linie DNA-Markierungen und auch nicht nur Glykane eines bestimmten Antikörpers. Der Test analysiert Proteine aus Zellen, die durch einen Wangenabstrich gewonnen werden.
Susi
Also kein Blut?
Sam
Nein. Du streichst mit dem vorgesehenen Testmaterial über die Innenseite deiner Wange. Aus diesen Mundschleimhautzellen werden Proteine extrahiert und für eine massenspektrometrische Analyse vorbereitet.
Susi
Massenspektrometrie klingt erst einmal sehr kompliziert.
Sam
Das Verfahren ist hochkomplex, die Probenentnahme aber nicht. Bei der Massenspektrometrie werden Moleküle anhand bestimmter physikalischer Eigenschaften identifiziert und quantifiziert. Anschließend werden die Proteindaten mithilfe bioinformatischer Modelle ausgewertet. Der Anbieter beschreibt, dass aus der Probe Tausende